Die aktuelle Krise in Europa und die Beinahe-Krise in den USA haben eines gemeinsam. Es sind Schuldenkrisen. In Europa hat sich die Schuldenkrise in der so genannten „Peripherie“ zu einer Währungskrise oder Eurokrise entwickelt – auch wenn die Zentralbank und die Regierungen immer noch von einer Schuldenkrise sprechen.

Die Eurokrise nahm ihren Ausgangspunkt in der Wirtschaftskrise von 2008/09. Strikt gesprochen handelt es sich um zwei getrennte Krisen, die allerdings in kausaler Abhängigkeit stehen. Es wäre allerdings falsch anzunehmen, die Wirtschaftskrise hätte die Eurokrise ausgelöst. Vielmehr hat die Wirtschaftskrise die Probleme Griechenland, Portugals und Irlands nur früher aufgedeckt, doch auch ohne die Wirtschaftskrise wäre die Zahlungsunfähigkeit dieser Länder früher oder später ans Licht gekommen.

Was ist nun genau eine Schuldenkrise? Vereinfacht gesagt, eine Schuldenkrise tritt dann auf, wenn Zweifel an der Zahlungsfähigkeit eines Landes bestehen oder wenn die Zahlungsunfähigkeit deklariert wurde – der oft erwähnte Default. In den Medien geistern auch die Begriffe „Staatspleite“ oder „Staatsbankrott“, aber der ökonomisch korrekte Begriff ist Insolvenz. Vom Konzept von der Insolvenz zu trennen ist die Illiquidität, wobei ein Staat nur temporär Probleme hat, weil zum Beispiel eine Naturkatastrophe eingetreten ist aber die Verschuldungsstruktur insgesamt stabil und nachhaltig ist.

Ja, es gibt nachhaltige Verschuldung. Ein Land hat genau dann eine nachhaltige Verschuldung oder ist solvent, wenn die abgezinsten zukünftigen Einkommen größer oder gleich den zu leistenden Rückzahlungen und Zinsen entsprechen. Das Problem ist, dass dieses Gleichgewicht von vielen unsicheren Faktoren abhängt, z.B. Zinsen und erwartete Wirtschaftsleistung. Nehmen wir Griechenland als Beispiel. Die Wirtschaftskrise hat die erwartete Wirtschaftsleistung gesenkt. Damit ist auch die Höhe der nachhaltigen Schulden Griechenlands gesunken, während natürlich die tatsächliche Verschuldung gleich hoch geblieben ist. Unterschreitet die erwartete Wirtschaftsleistung nun die kritische Grenze, ist der Staat insolvent auch wenn seine Verschuldung gar nicht steigt oder sogar fällt. Es kommt also nicht auf die Höhe der Verschuldung an, sondern auf das Gleichgewicht mit der erwarteten Wirtschaftsleistung. Genau das ist bei Griechenland, Portugal und Irland gekippt.

Insbesondere wird eine Verschuldung dann problematisch, wenn keine einmaligen Projekte zur Leistungssteigerung (etwa ein Hafen, eine Autobahn, ein Kraftwerk, etc.) mit Schulden finanziert wird, sondern wenn laufende Ausgaben des Staates nur durch die Aufnahme von neuen Schulden als Ablösung von auslaufenden Schulden gedeckt werden können, wenn der Staat also gezwungen ist Schulden aufzunehmen. Das ist mittlerweile in so ziemlich allen entwickelten Volkswirtschaften der Fall – auch in Deutschland. Wir alle leben über dem was wir uns eigentlich leisten können. Das geht solange gut, wie die erwartete Wirtschaftsleistung nicht sinkt und die Zinsen für neue Schulden nicht ansteigen. Und als wäre das nicht schon genug bedingen sich diese beiden gegenseitig: Steigen die erwarteten Zinsen sinkt die erwartete Wirtschaftsleistung und, sinkt die erwartete Wirtschaftsleistung müssen Staaten höhere Zinsen als Prämie für neue Schulden zahlen. Eine solche Spirale kann ziemlich schnell in der Katastrophe enden.

Wenn Schulden also so gefährlich sind, warum nehmen Staaten dann immer mehr davon auf und setzen nicht alles menschenmögliche daran die Verschuldung abzubauen? Weil Schulden unheimlich praktisch sind: Man kann Wohltätigkeiten verteilen ohne sich politische Prügel für Steuererhöhungen abholen zu müssen. Die Rechnung bezahlt man morgen. Und natürlich verspricht die Regierung auch mit dem Schuldenmachen aufzuhören und die Schulden pünktlich und vollständig zurückzuzahlen. Wenn die nächste Wahl gewonnen ist, kann man sich ja eine Ausrede einfallen lassen, warum es notwendig ist, mit dem Schuldenabbau noch ein Weilchen zu warten. Dieses Problem – die heutige optimale Handlungsstrategie unterscheidet sich von der morgigen optimalen Handlungsstrategie – nennen wir Ökonomen Zeitinkonsistenz. Um diesem Problem in Bezug auf Verschuldung Herr zu werden, gibt es eigentlich nur die Möglichkeit eines absoluten Verschuldungsverbots. Die deutsche Schuldenbremse ist da ein wirklich gutes Instrument, weil es Verfassungsrang hat und nicht durch ein simples Gesetz geändert werden kann. Deswegen ist die Schuldenbremse geeignet heute glaubwürdig zukünftige Schulden auszuschließen.

Dummerweise wird man auch mit einer Nettoneuverschuldung von Null seine alten Schulden nicht los und muss alte Kredite durch neue ablösen. Solange die (öffentliche) Gesamtverschuldung eines Landes nicht ebenfalls Null ist, droht theoretisch die Zahlungsunfähigkeit. Zugegeben, einige Verschuldungshöhen sind realiter ungefährlich (z.B. Luxemburg mit Staatsschulden in Höhe von 14% des BIP), aber dennoch halte ich es für geboten auch die bestehende Schuldenlast abzubauen. Dazu muss die Regierung eines Landes zunächst einen Haushaltsüberschuss aufweisen, was mit Steuererhöhungen und Senkungen der Staatsausgaben erreicht werden. Für Deutschland halte ich eine Senkung der Staatsausgaben für den sinnvolleren Weg, aber die Details darüber würden diesen Beitrag sprengen.
Bei all der Wichtigkeit von Schuldenabbau sollten die Sparpakete nicht die Wirtschaft eines Landes abwürgen – Rezessionen machen die Schuldenlast nur noch schlimmer. Ganz im Gegenteil, Länder mit Schuldenkrisen wie Griechenland müssen alles daran setzen zu wachsen. Für die oben erwähnte „Peripherie“ des Euroraumes sehe ich aber keine Möglichkeit aus den Schuldenkrisen herauszuwachsen. Da helfen auch kein Rettungsschirm und keine Eurobonds. Auch wenn es bedeutet, dass ihnen der Zugang zum Kapitalmarkt auf Jahre, vielleicht Jahrzehnte versperrt bleibt, müssen Griechenland, Portugal und Irland die Zahlungsfähigkeit erklären und so ihre Schuldenlast verringern. Wer etwas anderes behauptet, verschließt sich vor der Realität.

Wenn man über das globale Geldsystem, Ungleichgewichte und die Implikationen von Staatsschulden redet, dann fällt früher oder später der Name Robert Triffin und das nach ihm benannte Dilemma. Ursprünglich bezeichnete es einen Fehler im Bretton-Woods-System, aber nach dem Zusammenbruch des BWS 1973 hat man festgestellt, dass Triffins Dilemma damit nicht auch unterging.
Das BWS war ein System fester Wechselkurse mit dem US-Dollar im Zentrum. Als monetärer Anker diente dabei Gold und die Verpflichtung der USA unbegrenzt Gold und Dollar gegeneinander einzutauschen; im festen Verhältnis von $35 pro Feinunze Gold. Robert Triffin bemerkte, dass diese Konstellation instabil war. Diese Instabilität ergab sich aus der Rolle des US-Dollars als internationale Reserve. Da der Dollar unbegrenzt, unbedingt und zum festen Kurs in Gold eingetauscht werden konnte, galten Anlagen in Dollar “as good as gold”. Die Zentralbanken
des BWS hielten also keine Goldreserven, sondern viel einfacher zu handhabende Dollarreserven, das meiste davon als US-Staatsanleihen.
Um die Weltwirtschaft am Laufen zu halten und damit auch den amerikanischen Firmen Geschäftsmöglichkeiten zu geben mussten die USA dem Liquiditätsbedarf der Weltwirtschaft gerecht werden, also immer mehr Staatsanleihen herausgeben, um den anderen Zentralbanken die
Besicherung ihrer Geldmengen zu ermöglichen. Mit der Zeit wurde deutlich, dass das VErsprechen der Eintauschbarkeit zu Gold unhaltbar war. Zum Ende des BWS waren nur noch etwa 5% der Dollarreserven tatsächlich durch entsprechende Goldvorräte gedeckt. Der Dollar hätte eigentlich gegenüber Gold und den anderen Währung des BWS abwerten müssen. Mit dem Ende der Eintauschbarkeit 1971 brach das BWS binnen zwei Jahren zusammen. Das “risikolose” Anlageinstrument US-Staatsanleihe, das als “as good as gold” galt, war nicht risikolos.
Eine ähnliche Situation sehen wir heute, auch ohne feste Wechselkurse und ohne Gold. Der US Dollar als Weltleitwährung bietet seinen Nutzern enorme Netzwerkeffekte. So ziemlich jeder auf der Welt akzeptiert US Dollar, also hat man einen großen Anreiz in Dollar zu handeln. Oder im Falle von Zentralbanken, die eignenen Fremdwährungsreserven in Dollar zu halten. Erneut muss also die USA dem Liquiditätsbedarf der Welt nachkommen, um die Weltwirtschaft am Laufen zu halten. Erneut wird das als risikolos empfundene Ankerinstrument sehr wohl risikobehaftet. Triffins Dilemma hat erneut zugeschlagen.
Nach der Abstufung der US-Kreditwürdigkeit durch S&P auf AA+ sind wir in der kuriosen Situation, dass der monetäre Anker nicht mehr die beste Bonität hat. Praktisch zeitgleich sind die Renditen deutscher Staatsanleihen gesunken. Drei Tage sind kaum ein ausreichender Zeitraum, um ein Umschwenken des Marktes auf einen anderen Anker feststellen zu können, aber dennoch sollten wir in diesen Zeiten auch bisher Undenkbares in Betracht ziehen. Welche Folgen hätte es, wenn deutsche Staatsanleihen auf einmal eine bedeutendere Ankerrolle spielen würden als bisher? Würde Triffins Dilemma dann auf Deutschland zutreffen? Und wie würden sich die Politikmöglichkeiten in einer Währungsunion darstellen?
Ist das alles ein Argument dafür, das ganze Fiatgeld abzuschaffen und zum Gold als Deckung zurückzukehren? Nein, ganz klar nicht. Man ersetzt nur einen instabilen Anker durch einen anderen. Ob nun die US-Staatsanleihen risikobehaftet sind und nicht mehr als Anker taugen oder Gold ist einigermaßen egal. Mögliche Auswege aus Triffins Dilemma werde ich in einem der kommenden Artikel darstellen.

Am Samstag früh (MESZ) hat Standard & Poor’s Konsequenz bewiesen und nach der Warnung vom 18. April 2011 tatsächlich die Kreditwürdigkeit der Vereinigten Staaten herabgestuft und auch den Ausblick auf negativ belassen.
Die USA ist zwar mit dem AA+ Rating nach wie vor ein hervorragender Schuldner, also werden die fundamentalen Auswirkungen wohl eher gering sein. Die USA muss sich aber mit höheren Refinanzierungskosten abfinden. Das sollte den Druck auf die Politiker erhöhen, endlich den Schuldenabbau ernst zu nehmen.
Dennoch könnte die Abstufung stärkere Effekte haben, als die Fundamentaldaten erwarten lassen würden. Der Verlust des AAA für die weltgrößte Volkswirtschaft ist eben etwas anderes als die Herabstufung einer kleinen Volkswirtschaft oder eines kleinen Unternehmens. Das liegt zum einen natürlich am Ausmaß der Verflechtung der USA in die Weltwirtschaft, zum anderen aber auch an der Struktur es Internationalen Geldsystems. Ähnlich wie in der Ära des Bretton-Woods-Systems basiert es auf einem zentralen Anker: Im BWS war es das unbedingte, vertraglich festgeschriebene Dollar-Gold-Verhältnis von $35 für die Feinunze Gold; heute ist an diese Stelle die US-Staatsanleihe getreten. Trotz aller strukturellen und rechtlichen Unterschiede zwischen dem BWS und dem aktuellen System ist doch eine Gemeinsamkeit frappierend: Die (vermeintliche) Risikolosigkeit des Ankers. Das BWS zerbrach an Triffins Dilemma, als US-Präsident Nixon 1971 gezwungen war die unbedingte Eintauschbarkeit von Dollar und Gold zu beenden. Man versuchte noch zwei Jahre lang das System am Laufen zu halten, doch mit dem Wegfall des Ankers, war das BWS nicht zu retten.
Eine strukturell ähnliche Situation erleben wir zur Zeit. Mit der Abstufung der Amerikanischen Staatsanleihen verlieren diese das Gütesiegel “Risikolos”. Zwar sind keine Anleihen – und auch sonst nichts – absolut sicher, aber bisher galten US-Staatsanleihen als hinreichend sicher, um als Anker des weltweiten Geldsystems zu dienen. Die Herabstufung – bis vor wenigen Jahren noch völlig undenkbar – oder der drohende Zahlungsausfall – ebenfalls undenkbar bis Juli 2011 – hinterließen tiefe Kratzer an der Glaubwürdigkeit des Ankers. Etwas schlimmeres kann einer Anleihe (oder einer Währung) nicht passieren. Selbst wenn die Fundamentaldaten nach wie vor gar nicht so schlecht für die USA aussehen, können es doch die Erwartungen sein, die Amerika in eine neue Rezession zwingen oder – bis vor kurzem ebenfalls undenkbar – den Dollar als Weltleitwährung stürzen. Beides wäre fatal für die Weltwirtschaft, zumindest in der kurzen Frist. Vielleicht erwächst daraus aber langfristig ein stabileres globales Geldsystem.
Dies ist der Anfang einer Serie von Blogbeiträgen zum globalen Geldsystem. Ich werde mindestens noch zu Triffins Dilemma, den Sonderziehungsrechten, Globale Wirtschaftspolitik und Verschuldung bloggen. Wer noch eine Idee hat, soll mir Bescheid sagen :-)

In der USA lässt sich gerade eine Tragikomödie zur besten Sendezeit betrachten. Ich habe nur irgendwie den Verdacht, dass es kein Happy End geben wird.

Seit Wochen schon streiten Demokraten und Republikaner über das Anheben der Schuldenobergrenze. Passiert das nicht vor dem 2. August 2011, kann die USA einen Teil ihrer Ausgaben nicht mehr decken. Den Analysten von Standard & Poor’s war das schon etwas länger klar, deswegen schossen sie der US Regierung am 18. April 2011 einen Warnschuss vor den Bug und stuften die Entwicklungsaussicht der Bonität auf „negative“ herab. Aber ganz offensichtlich ist das nicht genug gewesen.

Ein Teil des Problems lässt sich mit Triffin’s Dilemma erklären, aber nicht alles. Die Amerikaner müssen sich darüber klar werden, dass man einen Staat nicht auf Dauer mit Schulden finanzieren kann, auch wenn die Refinanzierungskosten für die USA besonders niedrig waren. Es ist viel zu gefährlich, sich auf eine unsichere Variable wie das Wirtschaftswachstum zu verlassen, um die Schuldenlast – zumindest theoretisch – im Einklang mit den Einkommen der Volkswirtschaft zu halten. Insofern sind die Vorschläge von republikanischer Seite, die Ausgaben zu kürzen völlig richtig. Aber auch die Republikaner müssen sich dran gewöhnen, dass auch beim Militär der Rotstift bei überteuerten, nutzlosen Projekten angesetzt wird. Und die Demokraten müssen in den sauren Apfel beißen, dass die Probleme der USA nur mit Einschnitten in das Sozialsystem gelöst werden können. Auf der anderen Seite müssen die Republikaner wiederum einsehen, dass Steuererhöhungen – und sei es auch nur durch das Stopfen von Steuerschlupflöchern – notwendig sind um den Haushalt auf solide Beine zu stellen. Beide Seiten müssen ab und zu geben. Doch gerade beim ultrakonservativen Arm der Republikaner, der Tea Party, sehe ich keinerlei Kompromissbereitschaft. Das Verhalten dieser neuen Bewegung ist wohl bestenfalls fanatisch und uneinsichtig. Realitätsblind und autistisch wäre aber treffender. Diese Eiferer gefährden nicht nur die Stabilität der USA, sondern auch die Stabilität des gesamten Weltwirtschaftssystems. Die prekäre Haushaltslage – an der republikanische Regierung nicht völlig unschuldig sind, um es mal vorsichtig auszudrücken – für politische Kraftspielchen zu nutzen ist verantwortungslos. Eine langfristige Lösung für den Schuldenabbau ist bitter nötig.

Doch zuvorderst muss die USA den drohenden Zahlungsausfall abwenden. Doch ich fürchte, selbst wenn das Reprästentantenhaus und der Senat die Schuldenobergrenze anhöbe und die USA handlungs- und zahlungsfähig bliebe; der Schaden ist bereits entstanden. Es ist nicht mehr undenkbar, dass die USA den Zahlungsausfall erklären. Das „risikolose“ Ankerinstrument US-Staatsanleihe wird nicht mehr als risikolos wahrgenommen. Das Vertrauen in die Stärke der Amerikanischen Volkswirtschaft ist in Gefahr. Was passiert, wenn die Märkte das Vertrauen in ein Land verlieren lässt sich gerade – sozusagen im Labor – in Griechenland, in Portugal und in Irland beobachten. Die USA dagegen ist ein ungleich größerer Brocken. Ich würde es nicht ausschließen wollen, dass Ben Bernanke versucht die Inflation zu erhöhen, um so die Schuldenlast zu drücken. Das ist ein gefährliches Spiel mit dem Feuer und ein Schlag ins Gesicht aller Amerikanischen Sparer. Aber letzten Endes wohl einer der Auswege, wenn ein Haufen verantwortungsloser, konservativer Irrlichter weiterhin eine politische Lösung blockiert. Ob das im Sinne der Tea Party ist? Ich wage es zu bezweifeln.

Wäre es nur ein Problem in irgendeinem beliebigen Land, könnte es dem Rest der Welt relativ egal sein. Aber es ist die USA, deren Rolle als Land mit der Leitwährung eine ungleich andere ist. Fallen die US-Staatsanleihen auch nur für einen halben Tag aus, werden die Ratingagenturen die USA mit „Default“ bewerten. Dann können diese Anleihen nirgendwo mehr als Sicherheiten eingesetzt werden, um Geldpolitik zu betreiben oder Übernachtkredite zu besichern. Die Folge wäre eine Kreditklemme, gegen die der Bankrott von Lehman Brothers aussieht wie ein lahmer Kindergeburtstag. Doch damit nicht genug. China sitzt auf etwa 2,5 Billionen Dollar Fremdwährungsreserven, zwei Drittel davon in Dollar als US-Staatsanleihen. Fallen diese nun aus, sitzt China auf einem Haufen Schrott und kann die Kopplung des Yuan an den Dollar nicht mehr halten. Die Folge wäre eine massive Aufwertung des Yuan, was die chinesische Exportwirtschaft empfindlich treffen würde. Und die westlichen Importe. Dieser Fall des Dollar hätte die Flucht in andere Währungen, vermutlich in der Hauptsache den Euro zur Folge. Ein massiv aufwertender Euro ist angesichts unserer eigenen Schuldenprobleme wirklich das letzte was wir brauchen. Ich könnte noch ein paar Szenarien anreißen, um zu zeigen was für katastrophale Auswirkungen ein Zahlungsausfall der USA hätte, aber ich denke die generelle Richtung ist klar.

Selbst wenn die USA den Zahlungsausfall abwenden kann, muss sie eigentlich wegen der internen Querelen und dem langfristig nicht gelösten Schuldenproblem die Topnote AAA verlieren. Das wäre zwar bei weitem nicht so schlimm, wie ein Zahlungsausfall, aber schon schlimm genug. Die Renditen für die US-Staatsanleihe würden steigen und den Schuldenabbau noch schwieriger machen. Aber auch die Besicherung von Übernachtkrediten würde schwieriger. Vermutlich nicht im Ausmaß einer Kreditklemme, aber die Auswirkungen wären in der Realwirtschaft spürbar. Blöd für den schmalbrüstigen Aufschwung.

Normalerweise argumentiere ich gegen neuen Schulden, für die Begrenzung von Staatsausgaben und das erwirtschaften von Budgetüberschüssen. Aber dieses eine Mal wäre es hirnrissig, wenn der Kongress nicht einen der Kompromissvorschläge annehmen würde – auch wenn der Staat dabei neue Schulden aufnehmen wird. Aber offensichtlich ist es Menschen wie Frau Bachmann oder Herrn Boehner wichtiger sich selbst zu inszenieren anstatt Verantwortung zu übernehmen.

Heute saß ich in Mainz in einem Bus, nebenan zwei ältere Damen, die irgendwie auf das Thema Studiengebühren zu sprechen kamen. An meiner Haltestelle stieg eine der Damen auch aus und fragte mich ob ich Student sei, weil ich so aufmerksam zugehört habe. Ich sagte “Ja, bin ich, aber ich kann ihrer Argumentation nicht folgen.” Ich brachte einige Argumente, aber die Dame hörte mir nicht zu sondern hielt mich wohl für einen faulen Studenten, der der Allgemeinheit auf der Tasche liegt.
Da mir diese ältere Dame nicht zuhören wollte, schreibe ich die Argumente nun eben in meinen Blog.
Eines vorweg: Bis vor etwa drei Jahren, war ich ebenfalls ein Befürworter von Studiengebühren, bis ich gemerkt habe, wo die Haken sind und, dass diese Haken die Vorteile von Studiengebühren deutlich überwiegen. Aber hübsch der Reihe nach.
Studiengebühren sind sowohl als liberaler, als auch ökonomischer Hinsicht völliger Quatsch. ich fange mal mit der liberalen Argumentation an.
Der Grundgedanke des Liberalismus ist größtmögliche Freiheit für den Menschen, bei voller Verantwortung für sein Handeln. Von einem Studenten eine Gebühr für das Studium zu verlangen ist ein schwerwiegender Eingriff in die Freiheit (vielleicht sogar in die grundgesetzliche Berufsfreiheit?) und nicht hinzunehmen. Wer ist der Staat, dass er mir vorschreiben will, wie ich mein Studium verbringe? Wenn ich Studiengebühren bezahlen müsste, dann werde ich gezwungen einen Teil meiner Zeit nicht dem Studium zu widmen, sondern das Geld aufzutreiben, um die Gebühren zu bezahlen. Eine Gebühr für die ich keinen Gegenwert bekomme. Für Liberale könnte die Argumentation hier schon beendet sein, aber ich lege noch einen drauf. Auch ökonomisch ergeben Studiengebühren nämlich keinen Sinn.
Ja es stimmt, dass Studenten, insbesondere wenn sie ein zeitaufwändiges Studium haben, nicht arbeiten und eine öffentliche Leistung in Anspruch nehmen. Aber wenn man behauptet, Studenten würden keine Steuern bezahlen stimmt das schon nicht. Mindestens die Mehrwertsteuer für Bücher, Stifte, Laptop, Mensaessen, etc. fällt an. Darüber hinaus ist der “Wert” eines Studenten nicht nur in den Opportunitätskosten zu messen, die anfallen, weil er nicht arbeitet. Üblicherweise verdienen Akademiker nach dem Studium mehr, zahlen also mehr Steuern. Akademiker sind üblicherweise gesünder und fallen den Krankenkassen weniger zur Last. Auch prägen eine Universität und Studenten eine Stadt. Die indirekten Beiträge der Studenten zur Allgemeinheit sind viel stärker als üblicherweise angenommen. So profitiert auch die nicht-studierte Bevölkerung von kleinen Studentenkneipen, den Steuerzahlungen von Discos oder dem Ausbau des ÖPNV. Diese Effekte sind natürlich schwierig zu messen und quantifizieren, aber zweifellos vorhanden. Aber sie sind wohl noch schwieriger einem Nicht-Akademiker zu vermitteln.
Der wichtigste ökonomische Grund ist aber, dass Wissen (als Humankapital) oder der aus Wissen folgende technische Fortschritt die Grundlage von dauerhaftem Wirtschaftswachstum sind (z.B. Romer 1986, Lucas 1988 oder Romer 1990). Oder etwas anders gesagt: je schlauer die Leute sind, desto mehr hat die Allgemeinheit davon. Die Studenten also vom Studieren abzuhalten oder beim Studieren zu behindern ist nicht nur gesellschaftlich falsch sondern auch ökonomisch dämlich.
Auch wenn die ältere Dame diesen Blogeintrag wohl nie lesen wird, sei an ihre Adresse stellvertretend für alle Studiengebührbefürworter gesagt: Wenn man keine Ahnung hat…